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Menschen mit MS:

 



  Profil des Monats: Dezember 2005

Anton Novak

Anton Novak„Gestern war ich noch wie jeder andere“. Das ist der Beginn meiner Geschichte. Mein Leben drehte sich immer nur um Musik und Sport. Mein Vater war Fußballtrainer. Seit meiner frühen Kindheit hatte ich nur Fußball-Bilder in meinem Kopf und wurde daher Mitglied des Fußballclubs.

Ich war immer der Typ, der alles mögliche versucht, und so begann ich auch mit 10 Jahren, auf der Gitarre meiner Schwester zu spielen. Ich versuchte als Selfmade-Musiker meine Idole aus der Musikwelt nachzuspielen. Zusammen mit einigen ebenso musikbegeisterten Freunden gründeten wir die „Garagen-Band“, in der ich meine Spiel- und Gesangskünste verbesserte.

Mit 15 mußte ich wegen meiner schulischen Verpflichtungen mit dem Fußballspielen aufhören. Während meiner Studienzeit war ich auch Tormann in einem Eishockey-Club. Ich beendete meine Studien, um Maler und Tapezierer zu werden – diesen Beruf übte ich nach meiner Schulzeit aus.

Danach arbeitete ich zwei Jahre für eine Firma, dann musste ich zum Militär. Zwei Jahre harter Drill. Und nun MS. Traurige Erfahrung. In dieser Zeit überlegte ich oft, was wohl der Grund für diese Krankheit sei. Wurde die oftmalige Erschöpfung durch meine harte Arbeit verursacht? Aber es gibt keinen Grund, sich zu beklagen. Ich begegnete überall netten Menschen, gewann eine Menge guter Freunde und machte lohnende Erfahrungen für die Zukunft. Nach meiner Rückkehr ins Zivilleben wechselte ich den Beruf, ich arbeitete danach in einem Bergwerk. Ich habe schwere Arbeit immer geliebt, sie passte zu mir und ich konnte damit auch meine überschüssigen Energien loswerden.

In dieser Zeit besuchten mich manchmal Mitglieder der Band „Der Läufer“, und ich bekam ein Angebot, in dieser Gruppe zu singen. Neue Herausforderungen haben mich nie abgeschreckt, sondern immer aufgebaut. Und wiederum gewann ich Freunde, mit denen ich einige brillante Konzerte gab. Später, als die Krankheit zuschlug, zeigte sich, dass es mehr als Freundschaft war.

Anton NovakZu Beginn der Neunziger-Jahre (1992) traf ich eine schöne junge Frau mit schwarzen Haaren und schönen großen Augen. Wir heirateten und bekamen zwei Kinder. Ein Jahr nach der Hochzeit wurde ich an meinem früheren Arbeitsplatz gekündigt und musste mich daher nach neuer Arbeit umsehen. Ich fand eine in der tschechischen Republik, aber sie war zu schwer für mich, ich konnte wegen meines ständigen Schwindels nicht in größerer Höhe arbeiten. Warum? Am Anfang erschien mir das Fehlen harter Arbeit eine mögliche Erklärung. Das war falsch, jetzt weiß ich es. Ich stolperte manchmal, auch auf vollkommen ebenen Gehsteigen, hatte steife Gliedmaßen und all die anderen deutlichen Signale der Krankheit, von der ich nichts wusste. All das signalisierte meiner mittlerweile verstorbenen Mutter, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

Ich folgte ihrem Rat und suchte einen Arzt auf. Mein Hausarzt reagierte schnell und professionell und schickte mich sofort zu einem Neurologen in der Stadt Levoca. Bald begriff ich, wieso unsere Ärzte Bewunderung und Beifall verdienen. Meiner Gesundheit wurde dort größte Aufmerksamkeit gewidmet, ich durchlief eine Reihe von Untersuchungen, die aber meine Frage „was ist nur los mit meinem Körper“ nicht beantworteten. Die Ärzte wollten keine falschen Schlüsse ziehen und antworteten immer nur, dass weitere Untersuchungen nötig seien. Dabei wurden mir Fragen gestellt wie „ haben Sie keine Kopfschmerzen ?“, was in mir die Vorstellung nährte, dass irgendetwas mit meinem Kopf nicht in Ordnung war. Ich muss zugeben, dass ich große Angst hatte. Habe ich einen Tumor? Es wurde eine Lumbalpunktion vorgenommen und ich fuhr nach Bratislava zur MRI-Untersuchung. Einige Zeit davor hatte ich dieses Krankenhaus mitgebaut, aber ich hätte mir niemals gedacht, dort als Patient zu sein. Zwei Tage vor Weihnachten teilte mir der Chef des neurologischen Krankenhauses in Levoca mit „Sie haben eine sehr schlimme Krankheit – multiple Sklerose“. Das war mein „Weihnachtsgeschenk“. Die erste Reaktion meines Vaters, der mich dorthin begleitet hatte, war, nach einer eventuell möglichen Operation zu fragen. Er wusste auch absolut nichts von MS. Die Antwort des Arztes war „da hilft keine Operation“. Ich lachte nur, weil ich keinen Tumor hatte. All das passierte nur aufgrund des Nicht-Wissens über MS.

Ich beklage mich nicht – es könnte schlimmer sein. Erst später kam mir zu Bewusstsein, was wirklich geschehen war - als ich sah, dass ich mit meinem Sohn nicht mehr Fußball spielen konnte oder mit meiner Tochter keine Spiele, bei denen man springen musste, mehr spielen konnte oder vielmehr überhaupt nirgends mehr mitspielen konnte, wo man sich schnell bewegen musste. Zu dieser Zeit glaubte ich nicht, dass ich eines Tages in der Zukunft nicht mehr imstande sein könnte, auf meinen eigenen Beinen zu stehen, zur Mine hinunterzufahren, mit dem Ball zu kicken oder Eis zu laufen. Diese Zeit war psychisch sehr hart für mich. Als ich noch mit Hilfe eines Stocks gehen konnte, war ich die ganze Zeit draußen. Als aber alles schlechter wurde, sperrte ich mich ein und dachte sehr viel nach.

Nur mein Freund, der Bassgitarrist der Gruppe „der Läufer“ brachte mich aus dem Haus und bot mir an, „Metalica’s“ Lieder zu singen. Später pendelte er vier Mal in der Woche 30 Kilometer, nur um mir zu helfen. Auch heute bin ich ihm noch sehr dankbar. Das Schicksal hat aber noch einmal zugeschlagen.

Anton Novak CD coverIm Februar 2000 erfuhr ich um drei Uhr morgens vom Tod meines Schwagers. Er starb bei der Erfüllung seiner Wehrpflicht an der slowakischen Grenze. Fast ein Jahr lang fand ich kaum ins Leben zurück, dann ereignete sich eine weitere Familientragödie. Meine Mutter starb nach schwerer Krankheit am 23. Dezember 2003. Ein Jahr später wurde mein Vater Dialyse-Patient, zudem hat er Rheuma und noch einige andere Krankheiten. 2005 wurde sein linkes Bein amputiert. Das sind Zeiten, in denen wir glauben, am meisten zu leiden, aber wir nehmen dabei die Welt um uns herum nicht wahr. Ich denke dabei an die hungernden Kinder in Äthiopien, Erdbebenopfer in der Türkei oder die Verwüstung durch den Tsunami in Malaysia. Zehntausende sterben dort, Millionen leiden dort, und das sind keine Einzelschicksale. Plötzlich erscheint unser eigenes Leiden nur als ein Tropfen im Meer von Schmerz und Elend. Und dann kommt ein Freund, um uns ohne einen Gedanken an eine Gegenleistung zu helfen. Ich schätze mich glücklich, solch großartige Freunde zu haben.

Im Krankenhaus erhielt ich Besuch von der Vorsitzenden unser lokalen MS-Clubs. Wir unterhielten uns über die Möglichkeit, ein Benefizkonzert zu organisieren; dabei kam mir die Idee, dass dort Menschen mit MS singen sollten. Ich erinnerte mich an meine Freunde aus der Musikgruppe und kontaktierte sie. Der Gitarrist und Kopf der „Der Läufer“-Gruppe reagierte rasch, verlangte keinerlei Bezahlung und organisierte das ganze Konzert.
Wir bestellten Liedtexte; diese Texte - eigens für uns geschrieben – waren gut, aber ich war nicht zufrieden damit und begann daher, meine eigenen Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen. Mein Freund komponierte die Musik dazu und gab dem Ganzen damit Leben. Als ich den Text schrieb, hatte ich nicht bedacht, welch starken Eindruck dies bei der Zuhörerschaft machen könnte – sogar ich weinte. Nicht ein Auge blieb trocken. Auch das Fernsehen war da und machte einen Beitrag über das Konzert. Dabei schüttete ich dem TV-Redakteur mein Herz ein wenig aus, und er fand heraus, wovon ich träumte. Er erfüllte mir meinen Traum, zurück in die Hohe Tatra, das höchste Gebirge in der Slowakei, zu kommen. Ich, der ich kaum auf ebenem Boden gehen konnte, war plötzlich imstande, auf den steilen Berg auf 1751m über dem Meeresspiegel zu gehen und die Slowakei dort zu meinen unbrauchbaren Füßen liegen zu sehen. Ich begriff, dass mit dem richtigen Freund an der Seite nichts unmöglich ist.
Ich danke jedem, der mir auch nur eine Minute seines Leben geschenkt hat, um mir zu helfen und mir zuzuhören. Ich danke meiner geliebten Frau Zaneta, meinen zwei wunderbaren Kindern – Sohn Tomas und Tochter Petra, meinem Vater, meinen Geschwistern und all meinen anderen Familienmitgliedern und Freunden. Ich danke auch der Vorsitzenden unseres MS-Clubs in Levoca, dass sie diesen Club gegründet hat und so viel Zeit damit verbringt, für Club-Aktivitäten zu sorgen.

Obwohl das Leben nicht immer nett zu mir war, beschwere ich mich nicht. Ich nehme es, wie es ist. Jeder kann sein Leben verbessern, sowohl durch positives Denken als auch dadurch, dass er sich bewusst macht, dass niemand nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen um ihn herum lebt.

Das Lied, das ich für euch Menschen mit MS geschrieben habe,
für jeden, damit er merkt, dass wir genauso leben wollen,
gebt uns einfach eure Hand,
helft uns mit eurem Rat,
wir werden Schritt um Schritt gehen,
mit erhobenem Kopf.

Anton NovakAbschließend: denkt bitte an diejenigen, die nicht mehr für einen kleinen Spaziergang hinausgehen können - sie weinen still zu Hause. Aber niemand weiß, wann seine Zeit kommt, hier zu sein oder wegzugehen und die Verstorbenen zu treffen. Sie sind unser Gewissen.

übersetzt von: Margot Sepke


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