Multiple Sclerosis International Federation

 
 
Menschen mit MS
Donate advanced search
Diese Seite drucken print this page


Aus dem Inhalt
Menschen mit MS:

 



  Profil des Monats: Mai 2006

John Brown, Neuseeland

John Brown and dogName: John Brown
Wohnort: Christchurch, New Zealand
Alter: 68
Diagnose: Mai 1966
Beruf: Journalist

Es war Ende Mai, in einer der südlichsten Städte der Welt, als sich mein Leben für immer veränderte. Es war 16.30 Uhr. Der Tag war kalt, feucht und geprägt von einer Vorahnung, als ich das Sprechzimmer des besten Neurologen von Neuseeland verließ, mit der erschreckenden Aussage des Professors: „Sie haben Multiple Sklerose, Mr. Brown!“

Diese Diagnose erhielt ich nach einer Woche Krankenhausaufenthalt, wo bei mir eine Magnetresonanztomographie und eine Lumbalpunktion durchgeführt worden waren. Ich stolperte hinaus in die Menschenmassen – lebhafte Menschen – die nur das eine im Sinn hatten, so rasch als möglich nach Hause in ihre gewohnte Umgebung zu kommen. Das gab es für mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Diagnose des Professors beruhte auf seinen Untersuchungen in dem Krankenhaus, aber er gab mir auch kleine Tipps, wie man mit dieser Diagnose leichter fertig wird.

Als ich niedergeschlagen auf dem Weg zu einer Bushaltestelle war, lief ich einem Geistlichen der holländischen Kirche in die Arme, den ich vorher für die Zeitung interviewt hatte, für die ich als Journalist arbeitete. „Was ist los, John? Sie schauen ziemlich traurig.“ Er fragte mit der eigenen verständlichen und klugen Art, die ältere Leute bei Gesprächen mit jüngeren haben. Ich war erst 28 Jahre alt. Es war das Jahr 1966.

Der holländische Geistliche war Pieter de Bres. Pieters freundliche Ansprache rührte mich zu Tränen. Und ein Sprichwort sagt „Gottes Wege sind geheimnisvoll“. Ich erzählte ihm nochmals vom Trauma rund um meine MS-Diagnose und Pieter brachte mir ehrliches Verständnis entgegen, da er bereits in seiner Heimat Holland viel über MS erfahren hat. In Holland ist das Wissen über MS weit verbreitet.

Zweifellos hatte zu jener Zeit, vor 40 Jahren, der durchschnittliche Neuseeländer noch nie etwas über MS gehört. Pieter nahm mich mit nach Hause zu seiner Familie und die persönliche Suche nach Verstehen und einem Leben mit MS begann. Die Familie de Bres hatte in Holland Verwandte mit MS. Innerhalb von 10 Jahren hatte ich ein wenig über MS erfahren und ich wurde Delegierter Neuseelands bei der MSIF-Jahreskonferenz in der Heimat der Familie de Bres.

Diese Konferenz in Amsterdam war der Anfang von vielen bunten und aufregenden Ereignissen, die mich in mehr als 14 Ländern der Erde reisen ließ. Und wenn ich mich 2006 wieder zurückerinnere, es begann alles mit der Diagnose MS vor sehr langer Zeit.
Als ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit ging, geisterte ständig die Diagnose MS durch mein Hirn. Das Ganze wurde erleichtert durch die Sorge und das Mitgefühl meiner Freunde und Arbeitskollegen bei meiner - Neuseelands ältester - Zeitschrift „The Otago Daily Times“.

Als ich drei Jahre später das Angebot annahm, für die Zeitung „The Press“ in Christchurch, der zweitgrößten Stadt Neuseelands, zu arbeiten, fand ich heraus, dass zwei junge Journalistinnen der Zeitung „The Otago Daily Times“ sich über meine MS informiert hatten und zum Herausgeber der Zeitung gingen und ihm erklärten, dass meine Hände durch die MS in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Ich habe dies bei meiner Abschiedsparty erfahren, ich vergoss Tränen vor Rührung und Dankbarkeit, Tränen für diese menschliche Liebe und Zuneigung. Glücklicherweise blieben meine Arme okay, obwohl ich ein Spracherkennungsprogramm auf meinem Computer habe. Das verwende ich nur, wenn ich mit meinen Händen nichts machen kann, normalerweise zwei oder dreimal in der Woche.

Mein Umzug von Dunedin nach Christchurch brachte mich auch näher zu meinen Eltern, die jetzt sehen mussten, dass ihr einst gesunder Sohn nun eine Gehhilfe brauchte, um herumgehen zu können.

John Browns dogIn Christchurch engagierte ich mich sehr, bessere Bedingungen für Körperbehinderte zu erreichen. Ich schrieb einen großen Bericht in der Zeitung „The Press“ über Probleme mit Behinderungen und ich war die erste Person mit MS, die Mitglied in der MS-Landesgesellschaft wurde. In den 1970ern wurden Leute mit Behinderung herablassend behandelt, waren isoliert und Menschen 2. Klasse. Es wurde von ihnen erwartet, dankbar zu sein. Sie hatten nur einen geringen politischen Einfluss. Es gab Wenige, die den Mut oder die Mittel hatten, die Rechte von Behinderten und die Verantwortung für die Allgemeinheit aufzuzeigen.

Es war für Politiker, lokale Größen und Nachrichtenmedien nur allzu leicht, behinderte Menschen unter dem Titel „Gemeinschaft der Behinderten“ abzuschieben. In meinem Kampf – und glauben Sie mir, es ist ein anhaltender Kampf – bezeuge ich, dass es keine „Gemeinschaft der Behinderten“ gibt. Diese Bezeichnung ist nur bequem für die offiziellen Stellen und drängt eine große Anzahl von Menschen an den Rand der Gesellschaft. Wir Behinderte sind Teil der Gemeinschaft. Wir müssen entschlossen sein, diese Philosophie gut und lebendig zu erhalten. Wir müssen unsere Rolle in einer breiteren Gemeinschaft spielen.
Wie viele von uns, gebunden an den Rollstuhl, haben auf Beleidigungen mit Zorn, Frustration und Verlegenheit reagiert, wenn kerngesunde Leute es gut meinen und glauben, die sozialen Einrichtungen reichen für alle Rollstuhlfahrer aus. Wir sind alle eigenständige Persönlichkeiten mit allen Farben der Menschlichkeit. Wir haben das Recht, angemessene Anerkennung unserer Individualität zu erwarten. Traurigerweise akzeptieren viele das noch immer nicht, sondern zeigen immer noch das „nimmt er Zucker zum Kaffee – Syndrom“.

1976, als ich Journalist der Zeitung „The Press“ in Christchurch war, wurde ich mit dem „Winston Churchill Memorial Trust“ Reise-Stipendium ausgezeichnet – die erste Auszeichnung für eine behinderte Person in Neuseeland. Mein Arbeitgeber steigerte diese Auszeichnung, die mir 3 Monate Auslandsaufenthalt ermöglichte, noch mit der Gewährung zusätzlicher 6 Monate bei voller Bezahlung. Diese einzigartige Ehre bedeutete, dass ich mir 9 Monate die Welt anschauen konnte. Während dieser Zeit knüpfte ich viele Freundschaften – mit vielen von ihnen bin ich noch im ständigen e-mail-Kontakt. Meine Erinnerungen an diese Leute sind noch sehr intensiv und umfangreich. Es wäre zu wenig Platz, um hier über alles zu berichten. Eine Erinnerung allein genügt, damit man wieder Kraft tanken kann und man sich wieder erinnert, wie wertvoll ein Gespräch sein kann.

Es war Mai 1976. Ich hatte gerade im Sonesta Hotel in Amsterdam eingecheckt. Die MSIF-Jahreskonferenz war im angrenzenden Konferenz Center, der Olde Kirche, die mit dem Hotel durch einen Tunnel unter dem Single-Kanal verbunden war. Ich fuhr in meinem Rollstuhl zum Lift. Eine andere MSlerin wurde von ihrer Helferin zum Lift geführt. Meine guten Manieren meldeten sich, und ich rollte zurück, um die beiden Damen vorzulassen. Als ich vom Lift in die Rezeptionshalle des Hotels kam, begab ich mich zu den Frauen hinüber. Das war der Start einer Freundschaft, die heute noch anhält.

Die beiden gütigen, dynamischen Frauen waren Resch Rosenfeld und Gillian Cooper aus Simbabwe (früher Rhodesien). Die beiden waren wie ich die einzigen Vertreter ihres Landes bei dem MSIF-Kongress in Amsterdam. Wir drei waren fast unzertrennlich während der Konferenz, und unser Treffen brachte eine einzigartige Freundschaft hervor, die mich 1979 nach Simbabwe/Rhodesien brachte, nach meinem Besuch als Delegierter von Neuseeland am MSIF-Kongress in Wien. Aber wie sagt man, „das ist eine andere Geschichte“.

Es gibt so viele Geschichten … und MS war und wird der Schlüssel sein, der so viele fröhliche, erfüllende Freundschaften für mich brachte. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt wie das vertraute und warme Lächeln eines richtigen Freundes. Dieser Funke entzündet solch reiche Erinnerungen. Erinnerungen sind für immer, Freundschaften für ewig.

John Brown
Christchurch, Neuseeland

übersetzt von
Günter Lampert


Copyright Copyright Datenschutz Datenschutz Zurück zum Anfang
Haftungsausschluss Haftungsausschluss Unterstützt von Unterstützt von
Zurück zum Anfang  Zurück zum Anfang  
Feedback Feedback Sitemap Sitemap
Back to top Back to top