Multiple Sclerosis International Federation

 
 
Symptome und Behandlungen
Donate advanced search
Diese Seite drucken print this page
 
Aus dem Inhalt
MS the Guide:

 


  Wirksamkeitsnachweis und Wahl der Behandlung

Grundsätzlich spielen bei der Behandlung der Multiplen Sklerose wie auch bei anderen ernsthaften chronischen Krankheiten mit unterschiedlichem Krankheitsverlauf eine Rolle: Erstens das Problem, die Wirksamkeit einer Behandlung nachzuweisen und zweitens der Nachweis, dass die Chance eines Nutzens das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen überwiegt. Dieser letztere Punkt ist deshalb wichtig, weil Zahlreiche Medikamente, welche das Nervensystem oder das Immunsystem beeinflussen auch unerwünschte Nebenwirkungen aufweisen können, die zum Teil sehr ernsthafter Natur sind. Im Falle der MS besteht ein besonderes Problem darin, dass es besonders schwierig ist herauszufinden, ob eine Verbesserung im klinischen Status oder ein längeres schubfreies Intervall über mehrere Jahre die Folge einer Therapiewirkung ist, oder ob dies einfach dem natürlichen Verlauf entspricht da ja diese Krankheit von Natur aus dazu neigt, in frühen Krankheitsphasen zu vollständigen Remissionen zu führen, die von ganz unterschiedlicher Dauer sein können (wir kennen etliche Beispiele von mehr als 30 Jahren Remissionsdauer). Die doppelblind, plazebokontrollierten klinischen Studien waren entwickelt worden um dieses Problem zu überwinden und sie lassen sich ebenso für die schulmedizinischen, chirurgischen und rehabilitativen Massnahmen wie auch auf „alternative“ Behandlungsformen anwenden. Ein weiterer Aspekt der Behandlung sind die enormen hohen Kosten, die durch die Verordnung neuerer Medikamente entstehen in zunehmendem Masse werden solche Kosten-Nutzen-Berechnungen angestellt, auch wenn die exakte Art ihrer Berechnungen noch umstritten ist.

Eine Behandlungsform für ein Symptom oder für eine Krankheit oder eine Präventivmassnahme sollte danach ausgewählt werden, ob nachgewiesen ist, dass die Massnahme sicher und wirksam ist. Es gibt verschiedene Grade des Wirksamkeitsnachweises. Die Behauptung eines Nachbarns, dass eine bestimmte Massnahme helfe oder Geschichten von jemandem, der dramatisch auf eine Therapie ansprach, gilt als schwache Evidenz. Wenn mehrere Personen das gleiche behaupten, so wird der Wirksamkeitsnachweis dadurch etwas verstärkt, genügt aber noch nicht, da praktisch jedes Verfahren, ob sinnvoll oder nicht, einige enthusiastische Anhänger findet.

Ebenso ist die Tatsache allein, dass ein Verfahren über mehrere Jahre angewandt wurde (oder sogar Jahrhunderte) allein noch nicht Beweis für eine Wirksamkeit. Es gibt viele Beispiele dafür, wie etwa Aderlass, der über Tausende von Jahren schon angewandt wurde. Wir wissen heute, dass dadurch die Leute geschwächt wurden und dass es oft sehr gefährlich oder sogar tödlich sein konnte wenn die Betroffenen bereits sehr krank waren. Nichts desto trotz wurde das Verfahren sehr häufig angewandt seit dem Altertum bis ins 20. Jahrhundert.

Eine stärkere Vertrauenswürdigkeit (Evidenz) könnte durch offene Studien erbracht werden, wenn eine Gruppe von Patienten sehr sorgfältig nachuntersucht werden. Sowohl Arzt als auch Patient wissen in diesen Fällen, welche Art der Behandlung sie sich unterziehen.

Noch stärkere Vertrauenswürdigkeit in die Ergebnisse liefern Studien, in welchen Patienten über künftige Zeiträume behandelt und untersucht werden (prospektive Studien) als wenn sie nur retrospektiv Arten aus der Vergangenheit analysieren. In offenen Studien erscheinen die Ergebnisse oft besser als sie in Wirklichkeit sind aus verschiedenen Gründen. Die Therapeuten sind positiv voreingenommen, da sie wollen, dass es den Patienten besser geht. Dann gibt es eine Plazeboreaktion der Patienten, die ebenfalls wünschen, dass es ihnen besser geht und sich schon deshalb wohlbefinden, weil sie in einer Studie teilnehmen. Ausserdem werden diejenigen, die sich nicht gut fühlen oder denen es schlechter geht, die Therapie abbrechen, so dass sich Daten von Patienten anhäufen werden, denen es besser geht. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es den meisten Patienten besser geht.

Studien können dadurch aussagekräftiger gemacht werden, indem man eine Plazebokontrolle als Vergleich einführt und die Behandlungsgruppe mit der Plazebogruppe bezüglich möglichst vieler Faktoren in Übereinstimmung bringt (Alter, Geschlecht, Krankheitsdauer, Art und Schweregrad der Krankheit, etc.) und ferner auch dadurch, dass sowohl der Therapeut als auch der Patient nicht wissen, ob die eigentliche Behandlung oder Plazebo verabreicht wird. Dies ist die randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Studie. Statistiker können zum vorne herein angeben, wie gross eine solche Studie sind muss und wie lange sie dauern soll, damit die Fragen, die gestellt sein wollen beantwortet werden können. Eine solche Studie liefert besonders aussagekräftige und vertrauenswürdige Resultate.

Noch bessere Ergebnisse können von sogenannten Metaanalysen erzielt werden, in welchen alle gut kontrollierten Studien analysiert und verglichen werden und daraus Schlussfolgerungen bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit einer Behandlungsform gezogen werden.

Informationen über Studien konventioneller und alternativer Therapien werden gesammelt und untersucht in Cochrane Register kontrollierter Studien, welche zur Zeit etwa 4'000 abgeschlossene randomisierte kontrollierte Studien alternativer Medizin mit einer ebenso grossen Zahl von Verfahren vergleicht, die zur Zeit verwendet werden. Es gibt über 200 systematische Übersichten über Alternativtherapien, wovon 40 detailliert analysiert wurden und über die Cochrane Bibliothek verfügbar sind.

Dr. Marcia Angell und Dr. Jerome Kassirer frühere Herausgeber des New England Journal of Medicine stellen fest, dass es nicht zwei Arten von Medizin geben kann, Schulmedizin und Alternativmedizin: „Es gibt nur eine Medizin, welche ausreichend untersucht wurde und eine Medizin bei welcher dies nicht der Fall ist, eine Medizin, die Wirksam ist und eine Medizin die wenig oder nicht wirksam ist“. Wenn ein Verfahren sorgfältig untersucht wurde und gezeigt werden konnte, dass es sicher und wirksam ist, so spielt es keine Rolle ob es alternativ ist oder konventionell, „aber Behauptungen und Spekulationen ersetzen nicht den Wirksamkeitsnachweis“. Sie schliessen: „Alternativtherapien sollten der wissenschaftlichen Analyse ebenso sorgfältig und konsequent unterzogen werden, wie dies für schulmedizinische Verfahren gilt“.

Bei der Wahl einer bestimmten Behandlungsform, sei sie nun medizinisch, chirurgisch, rehabilitativ oder „alternativ“, muss die Evidenz bezüglich Wirksamkeit und das Risiko und die Art der Nebenwirkungen sorgfältig abgewogen werden. Wir haben dies in diesem Buch nach besten Vermögen getan und haben unsere Empfehlungen wenn immer möglich anhand von wissenschaftlichen, sorgfältig evaluierten Veröffentlichungen begründet.

Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, wenn wir auch zum Kosten-Nutzen-Verhältnis Kommentare abgeben wollten: Dieses ist schwierig zu messen und wird durch lokale Faktoren im jeweiligen Gesundheitssystem mitbestimmt. Eine Ausnahme dafür ist Kapitel 5, in welchem alternative Therapien besprochen werden erstens weil diese nicht auf das Umfeld beschränkt sind, in welchem sie verwendet werden und zweitens deshalb weil diese nicht medizinischen Therapien im Verhältnis zum wirklichen Nutzen sehr teuer sind.

Eine wesentliche Veränderung gegenüber früheren Auflagen dieses Buches ist die Aufnahme von Hinweisen für weiteres Literaturstudium, wo die interessierte Leserschaft mehr über spezifische Behandlungen und deren Wirksamkeit oder Nebenwirkungen erfahren kann.


Copyright Copyright Datenschutz Datenschutz Zurück zum Anfang
Haftungsausschluss Haftungsausschluss Unterstützt von Unterstützt von
Zurück zum Anfang  Zurück zum Anfang  
Feedback Feedback Sitemap Sitemap
Back to top Back to top