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In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich die Art und Weise, wie wir über Multiple Sklerose (MS) denken, verändert. Aus Sicht der Neurologen verstehen wir besser, auf welche Weise wir die Schäden am Nervensystem durch die Krankheit entstehen und wie Symptome zustande kommen, auch wenn wichtige Lücken in unserem Wissen immer noch bestehen. Diese Fortschritte führten zu neuen Behandlungsmöglichkeiten, die bereits einige Erfolge aufweisen konnten.
Erstmals hat die Möglichkeit, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen, die Prognose der MS-Betroffenen verändert. Es gibt jetzt berechtigte Gründe zur Hoffnung, dass der Krankheitsverlauf beeinflusst werden kann, das Symptome gelindert werden können, und dass noch wirksamere Medikamente als wir sie heute zur Verfügung haben, bald entwickelt werden. Die gewaltige Zunahme an Informationen über die MS, nicht zuletzt im Internet, setzt die MS-Betroffenen in die Lage, zunehmend Verantwortlichkeiten für ihre Behandlung selbst zu übernehmen. Entsprechend besteht das Bedürfnis für eine umfassende, leicht zugängliche Anleitung zu aktuellen therapeutischen Möglichkeiten, welche eine ausgeglichene Information über die relative Wirksamkeit einzelner Behandlungsarten liefert. Dieses Buch will genau dies tun.
Das Internet ist die erste Quelle, an welche sich heute viele Leute wenden, wenn sie Informationen suchen. Entsprechend wird dieses Buch nicht nur in gedruckter Form, sondern auch auf der Webseite MS International Federation „The World of MS“ (www.msif.org) erscheinen. Diese online Version erlaubt rasch Neuerungen einzubringen.
Wissenschaftliche Fortschritte, die in Bezug auf MS wichtig sind, kommen in verschiedenen Gebieten vor. Zweifellos kommen die wichtigsten Beiträge daher, dass man Magnetresonanztechniken nutzen konnte, sowohl in der Bildgebung (magnetic resonance imaging (MRI)) und Magnetresonanzspektroskopie (MRS). Die serielle Anwendung dieser Methoden zeigte, dass die Krankheitsaktivität oft zehnmal häufiger ist als allein vom Zählen der Schubrate vermutet werden konnte. Anderseits ermöglichte diese Beobachtung, Behandlungen, welche die Häufigkeit neuer Schädigungen des Zentralnervensystems verringern sollen, viel rascher zu beurteilen.
Die Verwendung spezieller MR-Techniken führte zu einem neuen Verständnis darüber, wie Schädigungen sich abspielen. Die Ausbildung einer neuen Läsion wird oft angezeigt durch eine umschriebene Öffnung der Blut-Hirnschranke; dies geht einher mit einer immunologisch vermittelten Entzündungsreaktion. Etwa zur gleichen Zeit kommt es zur Demyelinisierung, der charakteristischen pathologischen Veränderung bei MS. Die Entzündungsreaktion bildet sich nach etwa einem Monat zurück und erste Reparationsvorgänge setzen ein, welche zur Rückbildung klinischer Symptome führen (Revision). Allerdings bilden sich die neurologischen Ausfälle nicht immer zurück und nehmen mit der Zeit bei den meisten MS-Patienten sogar zu, was zu zunehmender Behinderung führen kann.
Eine neuere Erkenntnis, welche möglicherweise therapeutische Implikationen haben wird, ist die Tatsache, dass ein Untergang der Nervenphasen ein wesentlicher Faktor ist, welcher zur Behinderung beiträgt.
Wieso oft, wenn neue Techniken angewendet werden, zeigt sich eine unerwartete Komplexität. So zeigt sich zum Beispiel, das nicht in allen MS-Läsionen Entzündungsreaktionen vorkommen. Dies trifft vor allem bei der Form der MS zu, die von Anfang an unaufhaltsam fortschreitet ohne eindeutig abgrenzbare Schübe und Remissionen (primär progrediente MS). Und dies trifft auch für einige Läsionen bei anderen MS-Formen zu. Ausserdem wird zunehmend klarer, dass auch in den Anteilen des Gehirns, die als normal erscheinen, bereits Veränderungen der Struktur oder der chemischen Zusammensetzung vorhanden sind.
Diese neuen Erkenntnisse legen neue Strategien der Behandlungen nahe, und mehr als 80 verschiedene Therapeioptionen werden jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts untersucht.
Es wurde bereits erwähnt, dass MR-Methoden den Prozess beschleunigt haben, über welchen untersucht wird, ob eine Behandlung wirksam ist, um die Krankheitsaktivität zu verringern. Allerdings ist es sehr schwierig, die Beziehung zwischen Krankheitsaktivität, wie sie im MR bestimmt wird und der Behinderung klar zu definieren. Aus diesem Grund ist es weiterhin notwendig, die Wirksamkeit einer Behandlung anhand von klinischen Messmethoden zu beurteilen. Bisher geschah dies mit Hilfe grosser, doppelblinder, plazebokontrollierter klinischer Studien.
Jetzt stehen wir vor einem Problem, das gerade aus dem Erfolg solcher Studien in neueren Jahren entstanden ist. Diese zeigten, dass es möglich ist, den Krankheitsverlauf mit zwei Klassen von Medikamenten zu beeinflussen, welche jetzt, zumindest in einigen Ländern verfügbar sind: Die Betainterferone und Glatiramer Acetate, da jetzt zumindest Teilweise wirksame Medikamente verfügbar sind, lässt es sich ethisch nicht länger rechtfertigen, plazebokontrollierte klinische Studien in grossem Umfang und über lange Zeitperioden durchzuführen, wie sie bisher notwendig waren, um eine Wirksamkeit nachzuweisen.
Kürzerfristige Studien lassen sich rechtfertigen, sie haben aber wahrscheinlich weniger Aussagekraft bei einer Krankheit mit so langem Verlauf wie die MS. Eine neue Behandlungsart kann mit einer bekannten verglichen werden, aber die Planung einer Studie, die so vorgehen will, ist sehr viel schwieriger zu interpretieren als eine plazebokontrollierte Studie und ist unvermeidbarerweise sehr viel teurer. Es müssen also neue Wege gefunden werden und gerade dies steht im Zentrum eines Projektes von internationaler Zusammenarbeit, das durch die MS International Federation organisiert wird.
Bisher wurden Behandlungen besprochen, welche den Krankheitsverlauf beeinflussen. Ebenso wichtig war aber im letzten Jahrzehnt die Entwicklung im Bereich der symptomatischen Therapie und neurologischen Rehabilitation. Es wurden neue Medikamente entwickelt und neue Applikationsformen für ältere Medikamente angewandt. Kontrollierte Studien bestimmter Aspekte der Neurorehabilitation zeigen, dass dies eine wirksame Behandlungsform ist.
Deutsche Übersetzung von Prof. Jürg Kesselring, Valens, Schweiz Präsident des Internationalen Ärztlichen und Wissenschaftlichen Beirates der Multiple Sclerosis International Federation
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