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Ataxie kann definiert werden als eine Koordinationsstörung, die immer mit einem Tremor einhergeht (das heisst unwillkürlichen, rhythmischen, oszilierenden Bewegungen eines Körperteiles). Dieses Symptom kommt bei 75% der Patienten mit MS vor und zeigt sich am häufigsten als sogenannter Intentionstremor der oberen Extremitäten. Es ist sehr behindernd und störend, beeinflusst die Funktionen der Arme, des Gehens und in schweren Fällen des Stehens und Sitzens. Der Tremor ist bei der MS meist nur ein Teil einer komplexen Bewegungsstörung, zu der auch eine Dysmetrie gehört und deren pathophysiologischen Mechanismen nur ungenügend verstanden werden. Entzündungsherde in verschiedenen Teilen des Kleinhirns und seinen Verbindungsbahnen können eine bestimmte Tremorform hervorrufen; dennoch ist es sehr schwierig, die einzelnen Tremorformen zu klassifizieren. Es bleibt eines der Symptome, das am schwierigsten zu behandeln ist. Wie bei der Spastizität gibt es praktische Aspekte bei der Behandlung der Ataxie, welche zu bedenken sind, bevor Medikamente eingesetzt werden. Dazu gehört eine Anleitung der Patienten, wie sie Haltung und die proximale Stabilität während Aktivitäten halten können, sowie die Vermittlung von Hilfsmitteln. Gewichte an den Extremitäten sind nicht sehr erfolgversprechend, am ehesten noch, wenn sie über einen Computer gesteuert werden, was in einer kleinen Studie nachgewiesen werden konnte. Andere Behandlungsformen schliessen Medikamente ein (welche meist nur von geringem Nutzen sind und erhebliche Nebenwirkungen aufweisen) und eingreifende chirurgische Interventionen wie Thalamotomie oder Thalamusstimulation.
Medikamentöse Behandlung Wenige Medikamente wurden nur untersucht und keines in wirklich adäquater Weise. Isoniazid (mit Pyridoxin) zeigt eine gewisse Wirksamkeit in einer Anzahl kleinerer Studien. Es zeigte eine gewisse Wirkung bei 10 von 13 Patienten, wobei allerdings nicht eine Verbesserung der Funktionen nachgewiesen werden konnte. Eine zweite Studie ergab bei 4 von 6 Patienten einen Nutzen von einem Ausmass, dass immerhin die Patienten selbst das Medikament weiternehmen wollten. Isoniazid soll nützlicher sein beim Haltetremor als bei einem reinen Intentionstremor. Es wurden Dosen bis 1200 mg pro Tag verwendet, langsam gesteigert von 200 mg zweimal täglich. Diese Medikament wird nicht sehr gut vertragen und führt zu gastrointestinalen Störungen. Es war das erste, das in einer randomisierten kontrollierten Studie bei der MS verwendet wurde. Noch weniger gut wurden andere Medikamente untersucht wie Carbamazepin, Clonazepam und Buspiron. Äthylalkohol und Propranolol sind nicht erfolgversprechend. Auch wenn in einer einzelblinden Querschnittsuntersuchung ein gewisser Nutzen von Carbamazepin beim Kleinhirntremor bei 10 Patienten (von denen 7 mit MS) gezeigt werden konnte, ging diese auf Kosten einer Verschlechterung der Ataxie. Neuerlich wurde der 5-HT3 Antagonist Ondansetron sowohl bei intravenöser als auch bei oraler Applikation untersucht. Ursprünglich schienen die IV Studien erfolgversprechend, eine neuere plazebokontrollierte, Doppelblindstudie mit parallelen Gruppen verlief allerdings negativ. 52 Patienten, von denen die Mehrheit an MS litt, wurden randomisiert, wobei der Behandlungsarm 8 mg pro Tag während einer Woche erhielt. Ein gewisser Nutzen zeigte sich beim sogenannten nine-hole peg Test, bei einer umfassenderen Beurteilung der Ataxie zeigte sich allerdings kein Unterschied zwischen den Gruppen.
Chirurgische Interventionen Die Thalamotomie des Nucleus ventralis intermedius (VIN) zeigt einen gewissen Nutzen in der Behandlung des Tremors bei der Parkinsonkrankheit. Diese Verfahren wurden aber in Bezug auf Tremorformen bei der MS nur ungenügend untersucht. Im allgemeinen gilt es hier als weniger wirksam. Bei einzelnen MS-Patienten vermochte die Thalamotomie den Tremor der gegenüberliegenden Körperseite zu verringern, anfänglich bei 65% bis 96% der Fälle. In 20% allerdings trat der Tremor innerhalb der folgenden 12 Monate wieder auf. Eine funktionelle Verbesserung kann bei 25-75% der Patienten erwartet werden, In einer neueren Studie wurden 13 Patienten mit 11 Kontrollen verglichen: Es zeigte sich eine Verbesserung beim Tremor auch noch nach 12 Monaten. Die Nebenwirkungen werden nicht ausreichend beschrieben, obwohl sie bei bis zu 45% der Patienten auftreten können. Bei 10% der Patienten sind sie schwererwiegend wie Hemiparesen, Sprach- und Schluckstörungen. Die Erfahrung lehrt, dass die besten Resultate bei Patienten mit relativ stabilem Krankheitsverlauf erreicht werden, guter Mobilität und geringer allgemeiner Behinderung – eine sehr kleine Gruppe von Patienten. In drei neueren Publikationen wurde gezeigt, dass die Thalamusstimulation den Tremor in bis zu 69% der Patienten verringern könnte. Diese Studien schlossen 13, 5 beziehungsweise 15 Patienten ein. Diese waren sehr sorgfältig ausgewählt worden, zum Beispiel waren die 5 behandelten Patienten aus einer Gruppe von 17 ausgewählt worden. Kontrollierte Studien existieren nicht. Auch hier können erhebliche Nebenwirkungen auftreten. In einer neueren Studie, in der die Thalamusstimulation mit Thalamotomie verglichen wird zeigen sich bei der Stimulation weniger Nebenwirkungen. Andere Verfahren wie die Applikation kurzer AC-gepulster elektromagnetischer Felder, dynamische Systeme mit Orthesen mit mehreren Freiheitsgraden und Roboterarme wurden nicht ausreichend getestet.
Nach Auffassung des Komitees gehören die Ataxie und die dazugehörigen Tremorformen zu den am stärksten behindernden Symptomen der MS und sind am schwierigsten zu behandeln. Die derzeit bekannten Verfahren sind nur von geringem Nutzen und sind unzureichend untersucht worden.
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