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Symptome und Behandlungen
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MS the Guide:

 


  Blasenfunktion

Blasenprobleme gehören zu den am stärksten behindernden Symptomen der MS. Gemäss Studien an grossen Patientengruppen dürften Blasenstörungen bei mindestens 70% der MS-Patienten vorkommen. Dies ist vielleicht deshalb nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Blasenfunktion auf drei Ebenen im ZNS reguliert wird, die miteinander in Verbindung stehen: dem Frontallappen, dem Miktionszentrum in der Brücke des Hirnstamms und im Miktionszentrum im Sacralmark. Die Blasenfunktionsstörungen bei der MS gehen meist, wenn auch nicht immer, auf eine Rückenmarksbeteiligung zurück und gehen deshalb oft mit Sexualfunktionsstörungen und Pyramidenbahnsymptomen wie Schwäche und Spastizität einher. Am häufigsten sind ein imperativer Harndrang und eine Pollakisurie (häufiges Wasserlassen) gelegentlich kommen auch Harnverhalten und Nykturie (nächtliches Wasserlassen) vor. Die Blasenstörungen lassen sich einteilen in Störungen, den Harn zu entleeren, was auf eine Detrusor-Sphinkter Dyssynergie zurückgeht sowie eine Störung, den Harn zu entleeren, was meistens auf eine Hyperreflexie des Detrusors zurückgeht.
Die Behandlung der Blasenfunktionsstörungen bei MS beruhen auf zwei Komponenten: Die saubere intermittierende Selbstkatheterisierung, um eine vollständige Blasenentleerung zu ermöglichen sowie die anticholinergen Medikamente wie Oxybutynin zur Verminderung der Hyperreflexie. Da aber Medikamente wie Oxybutynin die Blasenentleerung beeinträchtigen und deshalb das Restharnvolumen vergrössern können, ist es wichtig, vor jeder Behandlung das Harnvolumen nach Blasenentleerung zu untersuchen.
Das saubere intermittierende Selbstkatheterisieren wurde ursprünglich zur Behandlung der Blasenstörungen bei querschnittsgelähmten Patienten entwickelt. Es muss durch kundiges Personal instruiert werden und kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Patienten selbst das Katheterisieren ganz sauber vornehmen können. Entsprechend können Probleme bei kognitiven Einschränkungen oder praktische Schwierigkeiten bei eingeschränkten Handfunktionen auftreten. Es gibt Patienten, denen das intermittierende Selbstkatheterisieren widerstrebt; für sie kann ein suprapubischer Vibrator eine Alternative sein. Durch einen solchen batteriebetriebenen Apparat lässt sich das Restharnvolumen bei 80% der Patienten deutlich verringern.
Eine medikamentöse Behandlung der Detrusor-Hyperreflexie soll erst eingeleitet werden, wenn eine adäquate Blasenentleerung gewährleistet ist. Medikamente der ersten Wahl sind Anticholinergika, wobei Oxybutynin sich in einer kleinen randomisierten Studie an 34 Patienten gegenüber Propanthelin als etwas vorteilhafter erwies. Meist wird mit 2,5 mg zweimal täglich begonnen, aber schon diese Dosis kann zur Mundtrockenheit führen. Die Maximaldosis liegt bei etwa 3x5 mg pro Tag. In einigen Ländern seht eine langwirksame Form des Medikamentes zur Verfügung. Unter den anderen Anticholinergika ist Tolterodin Tartrat eine nützliche Alternative für Oxybutynin und wird in Dosen von 2x2 mg täglich oder als Retardpräparat (Tolteridone 4mg LA) gegeben. Gelegentlich kann der Zusatz von Imipramin nützlich sein.
Wenn Oxybutynin nicht oder nicht genügend wirkt, so kann Desmopressin als Alternative eingesetzt werden, insbesondere bei nächtlicher Inkontinenz. Dieses synthetische antidiuretische Hormon wird über einen Nasenspray appliziert. Einige cross-over Studien an relativ kleinen Patientengruppen (17 beziehungsweise 22) zeigten, dass 1-2 Hübe (10-20 mg, vor dem Schlafen gegeben) den Urinfluss während 6-8 Stunden deutlich zu verringern vermögen. Ein längerfristiger Nutzen dieser Behandlung wurde kürzlich bei 19 PatientInnen belegt. Die zu erwartende Nebenwirkung der Hyponatremie wird selten Symptome machen, Kopfschmerzen und Übelkeit können allerdings Warnzeichen dafür sein, und besondere Vorsicht ist angezeigt bei über 65-jährigen Patienten. Auch besteht bei Rollstuhlpatienten mit Oedemen der unteren Extremitäten das Risiko der Wasserretention, da bei ihnen das nächtliche häufige Wasserlassen nur durch die Resorption der Oedemflüssigkeit bedingt sein kann. Desmopressin sollte nicht häufiger als einmal pro 24 Stunden eingenommen werden.
In schwereren Fällen führt die Unterbrechung der Bahnen im Rückenmark zum Auftreten neuer Reflexbögen auf Höhe des sacralen Rückenmarkes, die über nicht-myelinisierte C-Fasern geleitet werden, welche den Detrusor stimulieren und der Kontrolle durch die normalen hemmenden Bahnen entzogen sind. Diese Detrusor-Hyperreflexie lässt sich verringern durch die neurotoxischen Wirkungen von Capsaicin auf die C-Fasern. In einer kleinen Studie zeigte sich eine günstige Wirkung durch die Instillation von 1-2 mmol Capsaicin, aufgelöst in Alkohol. Diese Wirkung hielt über 5 Monate an. Gelegentlich sind wiederholte Instillationen notwendig; sie scheinen nicht zu längerfristigen Nebenwirkungen zu führen. Der mögliche Nutzen eines besonders wirksamen Capsinoids, Resiniferotoxin, wird zur Zeit untersucht wie auch die Wirkungen sublingualer Cannabis Applikationen und von intravesikalem Botulinumtoxin.
Auch für Biofeedback wurde in einer kleinen Studie an 20 MS-Patienten ein gewisser Nutzen gezeigt. In einer offenen kontrollierten randomisierten Studie mit zwei parallelen Gruppen von 25 Frauen und 15 Männern wurde ein Beckenbodentraining kombiniert mit Elektrostimulation untersucht. In der Behandlungsgruppe gab es 6 Sitzungen mit Elektrosimulation der Beckenbodenmuskulatur gefolgt von regelmässigem Beckenbodenübungen über 6 Monate. Die Symptome von imperativem Harndrang, häufigem Wasserlösen und Inkontinenz wurden in der Behandlungsgruppe signifikant vermindert und dies insbesondere bei männlichen Patienten.
Ein Dauerkatheter kann notwendig werden bei Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf, wenn die medikamentösen Behandlungsverfahren wirkungslos oder nicht mehr anwendbar werden. Selten ist auch ein Langzeitdauerkatheter zu empfehlen, weil dadurch der Blasenhalsmechanismus zerstört werden kann. Vorzuziehen ist ein suprapubischer Katheter, welcher durch Urologen eingelegt und alle zwei Monate gewechselt werden sollte.

Nach Auffassung des Komitees lassen sich die Blasenstörungen in der Regel recht gut behandeln, oft durch eine Kombination von Selbstkatheterisierung und anticholinergen Medikamenten.


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