 |
Wenn Sie sich in einer intimen Partnerschaft befinden, sollten Sie sich als erstes auf die "sinnlichen" Aspekte der Beziehung konzentrieren. Zu diesen sinnlichen Aspekten gehören alle körperlich und emotional erfreulichen, nicht die Genitalien anbelangenden Berührungen, wie zum Beispiel eine Rückenmassage und sanftes Streicheln von Körperbereichen außer den Geschlechtsorganen. In Phasen eines verminderten Geschlechtstriebs vernachlässigen Partner häufig diese sinnlichen, nicht-sexuellen Aspekte ihrer körperlichen Beziehung zueinander. Vereinbaren Sie ein "Rendezvous" für einen sinnlichen Abend, jedoch ohne Geschlechtsverkehr. Partner können einander körperliches Vergnügen bereiten und auf sinnlichen Art und Weise einander "erkunden" ¾ ohne dass der Leistungsdruck besteht, dass es zum Geschlechtsverkehr kommen muss.
Viele Frauen mit herabgesetzter Libido werden feststellen, dass sie immer noch gutes sexuelles Ansprechen und einen Orgasmus erleben können. Es ist allerdings erforderlich, einen neuen Ansatz dafür zu finden, dieses auf die Sexualität bezogene Verhalten in die Wege zu leiten. Anders ausgedrückt: Selbst bei fehlender Libido ist das Nervensystem häufig ausreichend intakt, um auf sexuelle Stimulation zu reagieren. Es geht also darum, ohne Sexualtrieb dennoch in sexueller Hinsicht "in Tritt zu kommen". Dies kann auf verschiedene Weise erreicht werden: Zunächst ist es häufig äußerst wichtig, in einer Beziehung die Aspekte wiederherzustellen, dass der Partner/die Partnerin eine "besondere Person" ist. Hierzu gehören alle die Verhaltensweisen, die einem anderen Menschen vermitteln, dass er/sie wichtig ist und als "besonders" erlebt wird. Gesten, die dieser Tatsache Ausdruck geben, können völlig verschieden sein ¾ ein Blumenstrauß, ein in der Aktentasche "versteckter" kleiner liebevoller Brief, ein unerwartetes Wort der Anerkennung usw. Unter der Belastung des Bewältigens der MS-Symptome und anderer Aufgaben der Lebensführung besteht die Tendenz, dass diese liebevollen Gesten vergessen werden. Wenn diese speziellen Formen des Umgangs miteinander mehr beachtet werden, kann dies die Bedingungen für eine stärkere Intimität schaffen, was seinerseits selbst bei fehlender Libido zu lustvollen sexuellen Aktivitäten führen kann.
Eine häufig mitgeteilte Reaktion auf den Libidoverlust besteht darin, sich aus einer Liebesbeziehung zurückzuziehen. Paare berichten oft darüber, dass sie sinnliche Berührungen [z.B. Rückenreiben, Küssen usw.] aufgegeben haben, weil sie befürchten, dass dies "zu Sex führen" werde, was dann bei Abwesenheit des Sexualtriebs als problematisch definiert wird. Um den Libidoverlust zu bewältigen, ist es erforderlich, sinnliche Berührungen wieder aufzunehmen, erneut zu lernen, welche Art des Berührens als angenehm und erfreulich empfunden wird. Ein guter erster Schritt ist hierbei, die oben beschriebene Übung zum "Erstellen einer Körperkarte" gemeinsam durchzuführen. Als nächstes ist es erforderlich, dass sich die Partner dabei abwechseln, einander systematisch zu berühren. Wenn "der Gebende" seinen Partner/seine Partnerin berührt, dann besteht die Aufgabe darin, zeitweilig das Interesse daran aufzugeben, selbst einen Lustgewinn zu erhalten, und sich völlig darauf zu konzentrieren, dem Partner/der Partnerin Lustgewinn zu verschaffen. Um das durch die Berührung vermittelte positive Empfinden zu maximieren, muss der "Empfänger" sowohl verbale als auch nicht-verbale Anleitungen geben. Es wird Partnern empfohlen, sich jeweils 20 Minuten lang auf die beschriebene Weise mit dem Anderen zu beschäftigen (kürzere Zeit, falls Ermüdung ein Problem ist). Zu den weiteren Ratschlägen gehören:
- Führen Sie diese "Übung" mehrmals pro Woche durch.
- Vermeiden Sie in der ersten Woche die Berührung der Genitalien, um den "Leistungsdruck" und die "Zentriertheit" auf die Sexualität herabzusetzen. Dies eröffnet einem Paar die Möglichkeit, positive sinnliche Empfindungen zu verspüren, ohne dem mit dem Geschlechtsverkehr einhergehenden Leistungsdruck ausgesetzt zu sein.
- Während der zweiten bis hin zur vierten Woche ist zunehmendes Berühren der Genitalien während der "Übung" erlaubt, es sollte allerdings vermieden werden, das Erreichen eines Orgasmus in den Vordergrund zu stellen. Der Schwerpunkt der "Übung" muss auch weiterhin darin bestehen, sinnliche Kommunikation und Lustempfinden weiter zu verbessern und sich nicht darauf zu konzentrieren, einen Orgasmus erreichen zu wollen. Dies ist dabei behilflich, emotionale Ausgeglichenheit wiederherzustellen und außerdem Ängste abzubauen.
- Nach der Woche 4 ist zunehmende, bis zum Erreichen eines Orgasmus führende Stimulation der Genitalien erlaubt. Ein Orgasmus wird als nachgeordnet zur primären Zielsetzung eingestuft, nämlich bei fehlendem Geschlechtstrieb das körperliche Lustempfinden und die sinnliche Kommunikation miteinander erneut zu lernen.
Sexualität bei fehlender Libido erfordert anders geartete Verhaltensweisen und Einstellungen dabei, sexuelle Aktivitäten einzuleiten. Häufig sind unterschiedliche Formen der Kommunikation und des Berührens erforderlich, da die "Erregung" an sich beeinträchtigt ist, in den meisten Fällen aber die Nervenbahnen für das Erleben positiver sexueller Empfindungen weiterhin intakt sind. Zur Wiederherstellung der Libido ist es für Personen ohne Geschlechtspartner ein wichtiger erster Schritt, die sinnlichen und erotischen Körperregionen zu entdecken und zu stimulieren. Manchmal ist es hilfreich, Masturbation oder sinnliche "Selbstexploration" mit Lust bereitender sexueller Stimulation durch Phantasievorstellungen, sexuell explizite Videos, Bücher usw. zu kombinieren. Im Versandhandel können ausdrücklich auf sexuelle Anreize ausgelegte Videos erworben werden, die "von Frauen für Frauen" produziert wurden, da Frauen in der Regel Vorlieben haben, die sich deutlich von denen der Männer unterscheiden. Ein Vibrator oder sonstige "Sexspielzeuge" können ebenfalls behilflich sein.
Bei Frauen kann das sexuelle Ansprechen manchmal durch Kegal-Übungen [Beckenboden] verbessert werden, auch wenn nicht bekannt ist, ob dies bei MS hilfreich ist. Von den Muskeln rund um den Vaginalbereich vermittelte Empfindungen tragen zu sexuellen Gefühlen bei, und der weibliche Orgasmus besteht aus Kontraktionen mehrerer Muskelgruppen in diesem Körperabschnitt. Kegal-Übungen zielen darauf ab, den Tonus dieser Muskeln zu erhöhen und ihre Bereitschaft zum Ansprechen zu verbessern. Die Kegal-Übung besteht darin, den Musculus pubococcygeus abwechselnd anzuspannen und wieder zu entspannen (als der Muskel identifizierbar, der beim Wasserlassen den Urinstrahl stoppt bzw. wieder fließen lässt). Es wird empfohlen, das An- und Entspannungs-Training dieses Muskels 20 Mal pro Tag durchzuführen. Da es bei MS häufig zu Harnverhaltung in der Blase kommt, muss die Durchführung dieser Übung mit den für die medizinische Versorgung zuständigen Personen abgesprochen werden. Generell wird angeraten, die Übung nicht während des Wasserlassens durchzuführen, obwohl hierbei als erstes die anzuspannende Muskelgruppe identifiziert wird. Das Training wird dabei behilflich sein, Harnverhaltung zu verhindern.
Biofeedback kann in einigen Fällen ebenfalls für eine Stärkung der Beckenbodenmuskulatur sorgen. Bei der Biofeedback-Therapie werden am Genital- und/oder Analbereich Sensoren angelegt, die die elektrischen Signale ermitteln, die mit dem Anspannen und Entspannen der Beckenbodenmuskulatur einhergehen. Die das Training durchführende Person erhält ein "Rückkoppelungs-Signal" in Form einer Anzeigeleuchte oder eines akustischen Signals, wenn die richtigen Muskeln angespannt werden ¾ auf diese Weise kann sie dann die entsprechenden Muskelgruppen systematisch ausfindig machen und trainieren. Beim Beckenbodentraining handelt es sich um einen Rehabilitationsansatz, der auch für die verbesserte Blasenkontrolle genutzt wird. Vom Gesichtspunkt der klinischen Forschung aus wurde diese Trainingsmethode jedoch noch nicht ausreichend untersucht
|